- DER SCHATTEN DES TÄTERS IN DIR -

 

Einführung

 

Der Text, den du gleich lesen wirst, ist ein Protokoll der Arbeit mit Emotionen, die verdrängt wurden. Er entstand in dem Moment, als ein innerer Anteil, der über Jahre hinweg abgespalten war, seine Bereitschaft zum Kontakt signalisierte. Es ist keine Literatur und keine „schöne“ Erzählung, sondern eine authentische Aufzeichnung eines Prozesses — echte Worte des zurückgewiesenen „Ich“.

Es ist die Stimme eines Anteils, der einst nicht die Kapazität hatte, das Geschehen zu tragen, und sich zum Überleben abspalten musste. Der Integrationsprozess besteht darin, den Zugang zu solchen Zuständen schrittweise wiederherzustellen und ihnen im Hier und Jetzt einen Platz zu geben. Diese Aufzeichnung zeigt, wie die Stimme eines Traumas klingen kann: roh, wahrhaftig und notwendig.

Während der Lektüre kannst du Berührtheit, Spannung im Körper oder starke Emotionen erleben — das ist natürlich. Wenn du merkst, dass es dir schwerfällt, halte inne und sorge gut für dich. Du kannst den Text abschnittsweise lesen, eine Pause machen, später zurückkehren oder Unterstützung bei nahestehenden Menschen oder Fachpersonen suchen. Dieser Text soll ein Zeugnis eines Prozesses und eine Einladung zur Reflexion sein, keine Belastung.

 

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- DER SCHATTEN DES TÄTERS IN DIR -

 

"Es gibt nirgendwo mehr einen Feind, es gibt keine Menschen mehr, die mir so schaden könnten, wie ich mir selbst noch schade.

Seine Botschaft lautete: „Du wirst mir niemals das Wasser reichen können. Du schaffst es nicht, du wirst mich niemals bekommen. Du wirst meine Gefühle nicht gewinnen. Du bist mir nicht gewachsen.“

Und ich habe mich so sehr bemüht, dass er mich liebt.

Ich fühlte mich schwach und klein. In mir war ein Ruf: „Komm näher zu mir“, aber ich habe diese Worte nie ausgesprochen. Genauso wenig wie „versuche, irgendeine Verbindung zu mir aufzubauen“, und ich fühlte mich so brutal und gnadenlos abgelehnt. So brutal, gnadenlos ungeliebt. Armselig, ohne jeglichen Wert. Ich wollte glauben, dass ich eines Tages seine Liebe verdienen würde.

Das war stark und zermürbend. Erniedrigend. Der Schmerz einer jungen Mutter, der Schmerz einer abgelehnten Frau ist bis heute in mir. Der Schmerz, dass er mich so ruinieren und zerstören konnte. Und das Schlimmste war wohl der Glaube an all das. Der Glaube, dass er mich liebt, dass er mich trotz allem liebt.

Und der Glaube daran, dass trotz all der Zerstörung und Verwüstung in mir dieses tiefe Vertrauen, diese Naivität war, dass er gute Absichten hatte. Jemand zerstört dich, und du glaubst ihm und gibst ihm alles, was du hast. Du legst die empfindlichsten Teile von dir bloß.

Es war der Glaube an die größte Lüge meines Lebens. Dass jemand liebt, der deine Zartheit ausnutzt, deinen Körper benutzt. In meinem Fall hat er meinen Körper sogar noch benutzt – und ich habe diesen Missbrauch zugelassen.

Jemand in einer solchen Beziehung verletzt dich, misshandelt dich, erniedrigt dich, und du glaubst ihm, dass er gute Absichten hat. Jemand wie dieser zerstört und erniedrigt deine Familie, deine Kinder, deine Zukunft, deine Gesundheit, und du redest dir ein, dass er doch ein guter Mensch ist.

Weil du nicht glauben willst, dass du dich in den falschen Menschen verliebt hast. Dass du mit jemandem eine Familie gegründet hast, der nicht zu dir passt. Du willst nicht glauben, dass du dich in einen Sumpf aus Gewalt, Dreck und Mist begeben hast. Du willst nicht glauben, dass deine Abwehrmechanismen versagt haben, dass deine Psyche dich nicht geschützt hat. Du willst nicht glauben, dass du einen Verräter, einen Schuldigen, einen Grausamen in dein Leben gelassen hast. Du willst nicht glauben, dass du ihm deine Unschuld, deine Jugend, deine Güte gegeben hast. Das Zarteste und Empfindsamste, was du in dir hast. Dass du ihm den tiefsten Teil deines Herzens gegeben hast. Dass du dich entschieden hast, mit ihm zu leben, mit ihm Kinder zu haben. Du hast dich nackt gezeigt, ohne Masken, ohne Schutz. Und er hat alles verspottet. Er hat keinen Funken dieser Werte geschätzt und alles auf den Boden geworfen. Er hat es getrunken, sich davon ernährt und dich gleichzeitig fertiggemacht. Denn er bekam die Gefühle einer Frau für nichts.

Wie gut, dass ich gegangen bin. Ich weiß nicht, woher ich die Kraft genommen habe, aber ich bin gegangen."

Agata Norek – Aufzeichnung aus eigener Traumatherapiesitzung.  

Seit über 20 Jahren arbeite ich selbstständig an meinen Traumatas. Auf der Grundlage solchen Sitzungen entsteht mein erstes Buch.