EINSEITIGKEIT DER ERZÄHLUNG VON ZÄRTLICHKEIT UND SENSIBILITÄT.

 

EINSEITIGKEIT DER ERZÄHLUNG VON ZÄRTLICHKEIT UND SENSIBILITÄT.

SENSIBLE MENSCHEN BRAUCHEN HÄUFIGER DIE ERLAUBNIS, STARK ZU SEIN, ALS EINE WEITERE LEKTION IN ZÄRTLICHKEIT.

SANFTHEIT MUSS MAN SCHÜTZEN KÖNNEN.

 

Ich unterbreche für einen Moment meinen Urlaub, um eine Beobachtung mit Euch zu teilen.

Seit längerer Zeit spüre ich einen inneren Widerstand gegenüber einer häufigen Erzählweise, die – so empfinde ich es – uns ständig Sanftheit, Zärtlichkeit, Sensibilität und Empathie lehren will. Nicht, weil ich diese Eigenschaften für unwichtig halte. Im Gegenteil – sie gehören für mich zu den schönsten menschlichen Qualitäten.

Dennoch habe ich das Gefühl, dass dabei oft die andere Seite der Medaille verloren geht.

Wirklich sensible Menschen leiden in der Regel nicht unter einem Zuviel an „Härte“. Oft sehen sie schon seit ihrer Kindheit mehr, fühlen intensiver und erleben die Wirklichkeit tiefer. Und gerade an sie richten sich immer wieder die Aufforderungen zu noch mehr Sanftheit – an diejenigen, die davon ohnehin schon sehr, SEHR viel in sich tragen.

Menschen hingegen, denen es an Empathie fehlt, verändern sich durch solche Narrative oder Appelle eher selten. Deshalb denke ich immer häufiger, dass man sensible Menschen vor allem Stärke, Grenzen und das Recht auf Widerstand lehren sollte.

Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass mein Heilungsprozess nicht in dem Moment begann, als ich noch sanfter wurde – etwa gegenüber Gewalt. Er begann in dem Moment, als ich lernte, „Nein“ zu sagen, Grenzen zu setzen und entschlossene Entscheidungen zu treffen, die mich selbst schützten.

Sanftheit ist ein Wert. Aber Sanftheit ohne Grenzen kann zur Wehrlosigkeit werden, und Empathie ohne Selbstschutz kann zu weiteren Verletzungen führen.

Deshalb glaube ich, dass Reife zwei Eigenschaften braucht: Zärtlichkeit und Stärke. Man muss lernen, das zu schützen, was in uns zart ist – manchmal durch Ruhe, manchmal durch klaren (manchmal sehr klaren) Widerstand und dadurch, dass man die Dinge beim Namen nennt.

Und hier geht es nicht darum, auf Sanftheit zu verzichten. Es geht darum, sie nicht ausschließlich von denen zu verlangen oder zu erwarten, die ihr ganzes Leben lang ohnehin die Sensibelsten waren.

Ich frage mich auch, warum die Erzählung von Sanftheit heute so stark ist, während die Erzählung vom Wiedergewinnen der eigenen Stärke deutlich schwächer erscheint.

Wenn ein Teil dieser Erzählung eine Reaktion auf eine Welt ist, die über Jahrzehnte „Härte“, „Wettbewerb“ und „das Unterdrücken von Gefühlen“ belohnt hat, dann kann die Einladung zur Sanftheit für Menschen, die von ihren Gefühlen abgeschnitten sind, sich für ihre Sensibilität schämen oder gelernt haben, „nicht zu fühlen“, tatsächlich (ja!) etwas Wunderbares und Heilendes sein. Ich glaube jedoch, dass ein Problem dann entstehen kann, wenn dieselbe Botschaft jemand hört, der seit seiner Kindheit zu viel gefühlt hat – und nicht zu wenig.

Zum Zweiten: Das Wiedererlangen von Selbstwirksamkeit nach Gewalt ist oft wesentlich schwieriger als über Zärtlichkeit zu sprechen. Weinen zu lernen ist manchmal leichter, als zu lernen, „Nein“ zu sagen – zur Mutter, zum Partner, zur Vorgesetzten oder zum Therapeuten.

Selbstwirksamkeit erfordert die Veränderung tief verwurzelter Muster (ich weiss, wovon ich spreche): Angst vor Zurückweisung, Schuldgefühle, Loyalität gegenüber dem Täter oder der Täterin, Erstarrung. Das ist eine enorme psychische und körperliche Arbeit. Und sie ist verdammt schwer.

Zum Dritten: Ich habe den Eindruck, dass Medien häufig Inhalte fördern, die weich, beruhigend und leicht anzunehmen sind. Der Satz „Sei sanft zu dir selbst“ klingt sicher und löst wenig Widerstand aus. Der Satz „Hör auf, Gewalt zu entschuldigen, und lerne, Grenzen zu setzen“ kann Konflikt, Konfrontation und … Verantwortung auslösen. Ich habe den Eindruck, dass unsere Populärkultur Trost häufiger belohnt als Konfrontation.

Für mich persönlich – als Mensch mit Gewalterfahrung – war die Botschaft „Fühle noch mehr“ oft schwierig, weil ich ohnehin bereits übermässig aktiviert war. Es gab Zeiten, in denen eine weitere Vertiefung meiner Sensibilität – ohne gleichzeitigen Aufbau von Grenzen – bei mir zu noch gröss erer Hilflosigkeit führte.

Heilung endet meiner Ansicht nach nicht bei Emotionsregulation und Selbstmitgefühl. Sie bedeutet auch, das Recht auf Wut zurückzugewinnen, die eigene Stimme wiederzufinden, Grenzen zu setzen, den eigenen Körper und den eigenen Raum zu schützen und Beziehungen zu wählen, die nicht verletzen.

Als Mensch mit Gewalterfahrung muss ich schreiben: Ich brauchte nicht nur Zärtlichkeit mir selbst gegenüber. Ich brauchte auch die Erfahrung meiner eigenen Stärke.

Zärtlichkeit hilft, die Wunde zu sehen. Stärke hilft, sie nicht immer wieder neu zu öffnen.

Für mich begann Heilung nicht nur in dem Moment, als ich zum ersten Mal weinte, sondern in dem Moment, als ich zum ersten Mal einem weiteren Grenzübertritt nicht mehr zustimmte. Das sind zwei unterschiedliche Phasen eines Prozesses. Und ich habe den Eindruck, dass im öffentlichen Raum viel über die erste gesprochen wird – und entschieden zu wenig über die zweite.

Herzliche Juli-Grüsse,

Agata