- SALONTRAUMA -

 

- SALONTRAUMA - 

 

Trauma betrifft diejenigen, die sich dem, was geschieht – scheinbar in ihrem eigenen Leben – nicht widersetzen können, weil ihre Emotionen sie überwältigen, unsichtbar und „harmlos“ machen.

Ihre gesamte Lebensenergie geht darauf, die Symptome zu überleben.

Oft haben sie keine Kraft mehr, Grenzen gegenüber Übergriffen in der Außenwelt zu setzen.

Und wenn sie es schließlich doch versuchen – hören sie sogar von einer Psychologin, das sei „Projektion“.

 

 

Leichtsinn und Dummheit

 

Es scheint, als hätte auf dem Markt ein wahrer Trauma-Boom eingesetzt.

Viele – mehr oder weniger selbsternannte – Gurus sind aufgetaucht.

Sogar jene mit psychologischem Abschluss (aber nicht unbedingt mit Traumakompetenz) beginnen plötzlich, sich zu den anspruchsvollsten und schmerzhaftesten Themen zu äußern.

 

Alles deutet darauf hin, dass sich das Schmücken mit dem Begriff Trauma gut verkauft.

Offensichtlich macht es sich gut in den Salons.

 

 

Theorie ist kein Verstehen

 

Denkt daran:

Nicht jede oder jeder, der Theorien kennt, Bücher gelesen hat, kluge Namen zitiert oder ein Psychologiediplom besitzt, hat eine Ahnung von der wahren Arbeit mit Trauma.

Trauma theoretisch zu verstehen – heißt oft, noch gar nichts zu verstehen.

 

Das Phänomen, den Begriff Trauma zu nutzen, um Reichweite, Vertrauen oder ein Marktego aufzubauen, wird immer häufiger.

Und ehrlich gesagt – was ich sehe, sind oft Menschen, mit denen ich nicht arbeiten möchte.

Ich würde mich ihnen nicht anvertrauen. Und ich würde sie auch niemandem empfehlen.

 

 

Die wahre Arbeit mit Trauma

 

Diejenigen, die wirklich mit Trauma arbeiten, steigen mit dem Menschen in seinen tiefsten Schmerz hinab.

Sie begleiten ihn in seine emotionalen Keller.

Sie fliehen nicht, wenn es wirklich dunkel, stickig, schmerzhaft und unbequem wird.

 

Viele dieser „Experten“ können das nicht aushalten.

Sie ertragen nicht einmal meine Zurückhaltung oder meine präzisen Fragen – geschweige denn mein Leiden.

 

Ich erlebe das.

Wenn ich konkrete, präzise Fragen stelle, bekomme ich keine Antworten.

Stattdessen wird psychologisches Wissen gegen mich gewendet – als Gaslighting: dass ich „projiziere“, dass meine Zurückhaltung „unbearbeitete Themen“ seien.

 

Seid vorsichtig – in dieser Branche gibt es erschreckend viel Scharlatanerie, Ego-Politur und psychologisches Marketing.

 

„Ich bin gesund, ich habe Zugang zu Wissen. Du bist unvollkommen. Dein Zweifel ist ein Krankheitssymptom, und deine Einwände haben mit meinem makellosen Image nichts zu tun.“

 

 

Ich vertraue der Trauma-Narration nicht

 

Ich vertraue der Trauma-Erzählung, die den Markt beherrscht, nicht mehr.

Ich vertraue der Menge an „Experten“ nicht, die wie Pilze aus dem Boden schießen und plötzlich auch auf diesem Gebiet Spezialisten sind.

Ich vertraue den Büchern nicht, die eines nach dem anderen erscheinen – denn Trauma ist zum neuen Lifestyle-Produkt geworden.

 

Trauma ist nicht schön.

Es riecht nicht gut, und es lächelt nicht im Rampenlicht.

Sein wahres Gesicht zu zeigen, erschüttert und macht Angst.

 

 

Wo sind jene, die wirklich Leiden aushalten können?

 

Wo findet ihr solche Kanäle?

Wo sind die, die über Erschöpfung, Mühe und den täglichen Umgang mit Leid sprechen, das sie in ihrer Arbeit mit Opfern selbst an ihre Grenzen bringt?

Wo sind die Stimmen, die nicht versuchen, „angenehm“ oder „korrekt“ zu klingen?

 

Wer von diesen Experten begleitet über Jahre (nicht ein Wochenende) Menschen, die leben wollen, aber nicht können?

Die in zerstörerischen Beziehungen oder Süchten untergehen, die leben, als würde ihr Körper unter Strom stehen?

 

Oder – obwohl sie objektiv in Sicherheit sind – etwas sehen, während ihre Seele in einem anderen, furchterregenden Zustand gefangen bleibt, den wir nicht wahrnehmen?

 

 

Es gibt kein Salontrauma

 

Es gibt kein Salontrauma.

Ein solches „Trauma“ ist kein Trauma.

 

Ich halte es für unmoralisch, sich einen Namen, Reichweite und Image auf dem Leid anderer aufzubauen – und dieses Leid gleichzeitig von sich fernhalten zu wollen.

Vor allem, wenn man in Wahrheit nichts mit diesem Leid zu tun haben will.

 

Ich gratuliere denen, die sich mit Theorie auskennen – aber bitte, wischt euch nicht mit ihr den Mund ab und betrügt keine verängstigten Menschen, um euer Konto zu füllen.

Und ich gratuliere den Salonmenschen, dass sie keine Türklinken in psychiatrischen Kliniken gebissen haben.

 

 

Die Wahrheit über das Leiden

 

Ich möchte manchmal die Augen schließen, weil ich weiß, wie viele Menschen mit PTSD oder C-PTSD niemals angemessene Hilfe finden.

Ich weiß, wie ich selbst – nach meinem Unfall – neun Jahre lang, in drei verschiedenen Ländern, keine fand.

 

Ich weiß, wie viel solche Arbeit vom Therapeuten verlangt.

Ich weiß, wie sie alle an ihre Grenzen bringt.

Und wenn ihr Menschen aufklärt – tut es wenigstens ehrlich.

 

 

Die Kommerzialisierung des Traumas

 

Die Kommerzialisierung von Trauma ist etwas Abscheuliches.

Trauma ist zu einer „Marke“ geworden – nicht mehr zu einer Realität voller Schmerz, Schmutz, Scham und Ohnmacht.

 

Es gibt eine totale Kluft zwischen dem wirklichen Leiden und seinem Instagram-Image.

Trauma ist kein Schmuckstück – es ist der Ort, an dem ein Mensch die Grenze zwischen Leben und emotionalem Tod berührt.

 

 

Zeugnis und Würde

 

Als jemand, der im Alter von fünf Jahren unvorstellbare Gewalt, Grenzverletzungen, Missbrauch und Vergewaltigung erlebt hat –

als jemand, der seit zwanzig Jahren aus der Dissoziation herausfindet –

fühle ich mich verpflichtet, die Wahrheit zu verteidigen.

 

Die Stimme zu erheben – oder vielleicht einen Appell – für Ehrlichkeit gegenüber menschlichem Leid.

Hier geht es um menschliche Würde.

 

Ich kann nicht zusehen, wie Trauma – oder vielmehr: seine Pose – zu einem modischen Accessoire geworden ist.

Ich fühle mich meinem eigenen Leiden und meiner Geschichte verpflichtet, auch im öffentlichen Raum Grenzen zu setzen.

 

Agata Norek