– SELBSTÄNDIGKEIT –
Ich glaube nicht, dass es wahr ist, dass in der Traumatherapie immer und unbedingt ein anderer Mensch nötig ist. Seit über 20 Jahren arbeite ich selbständig – und sehr wirksam – mit meinen tiefsten komplexen Traumata (cPTBS).
Jeder Therapeut oder andere Mensch hätte mich in diesem Prozess gestört oder blockiert (denn das haben sie getan). Wenn ich ausschliessich auf andere angewiesen gewesen wäre, wäre ich niemals an dem Punkt, an dem ich heute bin – nämlich an dem Punkt, an dem ich offen über meinen Prozess mit cPTBS sprechen kann.
Und ehrlich gesagt – ohne meine eigene Hilfe bezweifle ich, ob ich heute überhaupt noch am Leben wäre. Eine Therapie in der Form, Intensität und Häufigkeit, in der ich sie gebraucht habe, hätte ich mir nie leisten können.
Viele Menschen brauchen Unterstützung und Begleitung durch eine andere Person, aber das ist nicht der einzige Weg. Wäre es die einzige Bedingung, gäbe es keine Fälle, in denen Menschen – wie ich – diese so entscheidende, fordernde innere Reise allein antreten.
Für die Heilung von Trauma ist der Kontakt mit den eigenen Emotionen notwendig – in sich selbst.
Ein anderer Mensch kann dabei begleiten, aber ebenso kann diese Rolle Kunst, Glaube, Natur oder Tiere übernehmen. Oder – wie in meinem Fall – die eigene Gegenwart. Das eigene Begleiten und Verstehen. Auf der Grundlage meiner über 20-jährigen Erfahrung kann ich klar sagen und betonen: Der Kontakt zu sich selbst ist die Bedingung für die Heilung von Trauma.
In der Traumatherapie wird oft übersehen, dass es hier keine einzige „offenbarte Wahrheit“ gibt. Auch kein einziges Schema. Mit meinem Beispiel möchte ich zeigen, dass es mehr als nur einen Weg gibt, mit Trauma zu arbeiten.
Wie ich schreibe, ist für viele Menschen ein anderer Mensch, eine sichere Beziehung und das Gefühl, gesehen zu werden, entscheidend. Aber es gibt auch Menschen, die sich von äußeren Einflüssen abgrenzen müssen, um zu ihren eigenen Emotionen und zum Kern vorzudringen – so wie ich. In meiner eigenen Gegenwart gelingt mir das am besten.
Meine Erfahrung stellt das Dogma infrage, dass „man ohne Therapeuten kein Trauma verarbeiten kann“. Ich möchte diese dominierende Erzählung in der klinischen Psychologie wirklich ausbalancieren.
Für mich ist nicht entscheidend, WER begleitet, sondern OB UND WIE man der eigenen Wahrheit und den eigenen Emotionen begegnet.
Das stimmt mit vielen Ansätzen überein, auch wenn es oft nicht ausdrücklich gesagt wird.
Ich hoffe, dass dies eine Inspiration sein kann – für Menschen, die Therapeuten nicht vertrauen, aber auch für Therapeuten selbst – damit sie ihre Rolle nicht absolut setzen.
Mir ist bewusst, dass dies ein mutiger Bruch mit dem Stereotyp ist – im dominanten therapeutischen Diskurs wird ein anderer Mensch (Therapeut, Gruppe, Beziehung) oft als notwendige Bedingung dargestellt.
Ich möchte zeigen, dass auch die selbständige Konfrontation mit Trauma möglich und wirksam ist – obwohl mir natürlich bewusst ist, dass es dabei große Vorsicht, Wissen und Bewusstsein braucht.
Immer wieder habe ich erlebt, dass verschiedene Menschen unterschiedliche Werkzeuge brauchen. Für die einen ist die Beziehung entscheidend, für die anderen die Einsamkeit, Kunst, Spiritualität oder Natur. Wir müssen die Perspektiven öffnen, nicht begrenzen.
Ich weiss, dass das, was ich sage, ein Dogma bricht und jenen Raum gibt, die auf andere Weise heilen als im standardmässigen „therapeutischen Paradigma“. Auch mit alternativen Ansätzen muss man natürlich vorsichtig umgehen.
Zusammenfassend:
Das, was unverzichtbar ist, ist die Begegnung mit sich selbst – nicht unbedingt die Anwesenheit eines anderen Menschen.
Ein wahrer Kontakt mit den eigenen Emotionen, eine echte Begegnung, kann stattfinden:
• mit einem anderen Menschen,
• oder in der Einsamkeit, durch Kunst, Glauben oder Natur.
Dass wir die Verantwortung so oft auf andere übertragen wollen – das ist wieder eine andere Sache.
Agata Norek