- BINDUNG ZUM TÄTER -
Manchmal höre ich Meinungen, dass wir uns wie wilde Tiere von (Beziehungs-)Traumata erholen können – wie nach einem Angriff oder Schock.
Damit bin ich nicht einverstanden.
Ein gequältes Tier wird nicht zu seinem Peiniger zurückkehren wollen. Es wird niemals nach wieder nach so einem Täter suchen und (auch nicht unbewusst) eine solche Beziehung wiederholen wollen.
Kein Tier, aber ein Mensch kann den Täter vermissen, den Täter verherrlichen, dem Täter alles verzeihen, den Täter mit aller Kraft verteidigen und sich sogar jahrelang in den Täter verliebt sein.
Manchmal fühlen sich so betroffene Menschen – trotz der Güte, Wärme und Geborgenheit, die sie später im Leben erfahren – ihr ganzes Leben lang oder zumindest den grössten Teil ihres Lebens zu einem solchen Muster hingezogen.
Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Bindung zwischen Opfer und Täter – wenn es um das Urvertrauen geht – die tiefste Bindung ist. Ich weiss das aus eigener Erfahrung.
Ein solches Muster zu durchbrechen, eine so komplexe emotionale, verinnerlichte Prägung (auf der Ebene des Körpers, des Zellgedächtnisses, des Unterbewusstseins) neu zu programmieren, ist meiner Meinung nach eine der grössten Herausforderungen im Leben.
Ich gehe das Thema an und zerlege es in seine einzelnen Atome. Ich schreibe ein Buch darüber.
Foto: Dieter Ruf, mein Mann, der mutig mit mir durch all diese dunklen Labyrinthe geht.